>> download Catalogue International Affairs I (2017)

 

TEXT ZUR AUSSTELLUNG VON KERSTIN GODSCHALK

International Affairs I

10.06. – 03.07.2017

Ausstellung für zeitgenössische Kunst

im Projektraum Balken, Rebstöckerstr. 49e, Frankfurt a.M.

KünstlerInnen: Andreas Lau (DE), Annette Merrild (DK, lebt in ES), Deniz Alt (DE-TR), Parastou Farouhar (IR, lebt in DE), Römer + Römer (DE+RU, leben in DE), Sascha Boldt (DE); arbeiten international.

“The answer, whatever form it takes, will ultimately come […] from the studio, that free zone […] So one can envision […] individual artists, many of them, pushing beyond multiculturalism’s territorial constraints, moving freely among identities and affiliations, deciding to be both insiders and outsiders. This isn’t just a “black“ story or a “white“ story; it’s a “people“ story, a story about freedom of choice. Everyone has a tremendous stake in the outcome.” 1

Wie es Holland Cotter bereits 2001 in der New York Times formulierte, so folgt auch die Ausstellung “International Affairs” dem Anspruch, der interkulturellen Verwobenheit auf persönlicher Ebene zu begegnen und entbehrt so der schwarz-weiß Malung. Künstler-Kurator Deniz Alt setzt bewusst das Adjektiv “international”, das über die aktuellen Tendenzen der nationalen Grenzziehungen und des Rückzugs ins Private genauso hinausweist wie über globale Vereinheitlichung. Die Ausstellung lässt die Asymmetrien von Zentrum und Peripherie hinter sich. Sie lädt uns ein, an der persönlichen Erfahrung des Internationalen – im Sinne der Wortabstammung: inter, zwischen, und natio, Völkern und Geburtsorten – teilzuhaben. In diesem Falle präsentiert sich ein Netzwerk von sechs KünstlerInnen, deren Biographien von der internationalen Arbeitsweise und Lebensgeschichte geprägt ist, die ausgehend von einer Stadt in der Welt produzieren und ausstellen. Man könnte fast schon sagen, global agieren und dennoch entbehrt der Titel der Nivellierung der “Global Art”.

“The global uniformity of the new media was soon counterbalanced by art’s multiform messages that represented the global universe in local views.” 2

Entgegen der heutzutage unter dem Begriff der “Global Art” zusammengefassten zeitgenössischen Kunst, geht es in dieser Ausstellung nicht darum, das Phänomen der Globalisierung und der Digitalisierung, das heißt, der Neuen Medien wie Internet, Social Media etc., und ihrer Uniformität zu beleuchten. Vielmehr setzt die Ausstellung bei der künstlerischen Praxis an, die sich längst über nationale Grenzen hinaus erstreckt und dennoch lokal spezifische Ausformungen hervorbringt, da sie Ausdruck persönlich internationaler Erfahrung, Nähe und Involviertheit in die Geschichte ist. Das Phänomen der Künstlerreisen beginnt im 19. Jahrhundert und ist zumeist an Forschungen und national wirtschaftliche Interessen gekoppelt. Künstler dokumentierten die industriellen Errungenschaften und das exotisch Andere auf dem Planeten mit naturwissenschaftlichem Interesse. Die Gründung des Museums ist eng verknüpft mit der Ausbildung eines nationalen Bewusstseins. Die Verortung der Ausstellung “International Affairs” im Projektraum “Balken” ist eine logische Konsequenz des Titels. Sie ermöglicht den KünstlerInnen, sich aus dieser historischen Linie herauszunehmen, ohne sie zu negieren. Dem Diskurs der internationalen Moderne, die lange Zeit von einem eurozentristischen und  patriarchalen Betrachterstandpunkt vieles ausließ, oder pejorativ einzelne Positionen vergleichend einschloss, begegnet sie aus den gelebten Berührungspunkten eines Künstlernetzwerks. Die Ausstellung versucht, den institutionellen, linearen Blick nicht zu komplettieren, sondern öffnet ihn. Indem sie auf der persönlichen Ebene der Biographien der KünstlerInnen und ihrer Zusammengehörigkeit zu einem Netzwerk ansetzt, offenbart sie eine zeitgenössische Kunstpraxis, die das Internationale als gelebte Realität offenbart.

Die KünstlerInnen thematisieren die Raster, auf denen unsere Gemeinschaften gründen. Diese Raster verschleiern genauso wie sie Dinge für einen Betrachterstandpunkt seit Jahrhunderten in Perspektive setzen. Im Sinne eines Gitters können sie den Blick einerseits abschotten und andererseits netzartig ausweiten. 3  Wie Theodor W. Adorno bereits in seiner Ästhetik feststellte, bedarf das Alte bereits des Neuen. Aus der Versenkung in der Geschichte entfaltet das Neue sein Potential, entschlüpft das, was uneingelöst blieb. 4  Genau hier setzt Deniz Alt an. Als Deutsch-Türke mit armenischen Wurzeln stellt er in seiner Malerei und seinen Installationen den Narrativen der Erinnerungskulturen das spekulative Moment entgegen, und weist so auf ihr konstitutives Moment genauso wie auf ihr Verblassen und Verdrängen hin. Er entlarvt sie als changierend und offenbart ihr Potential in der wechselseitigen Anerkennung, die das Leid aus der Dunkelheit der Einzel-perspektive als kollektiv identifiziert. Das Harmonisierende des Ornaments zieht den Betrachter von Parastou Forouhars Werken unwillkürlich in ihre Arbeiten und ehe man sich versieht, ist man involviert in einen Diskurs, der sich von der homogenisierenden Schönheit zu der ambivalenten Koexistenz von Harmonie und Gewalt verschiebt. Geprägt von ihrer persönlichen Erfahrung – den Folgen der iranischen Revolution 1979 – oszillieren die Werke der Künstlerin zwischen Verführung und Bedrohung. In dem Bewusstsein, dass jede Interaktion von ihrem eigenen Missbrauch gefährdet ist, versucht sie den Konflikt zwischen Fakten und Irrglauben in ihrer Kunst auszuhandeln. Von dem Verhältnis von Selbst-beschränkung zu Rollenbildern handeln Annette Merrilds skulpturale Malereien. Sie vereinen den emanzipierten Blick auf die Sexualität. Auf der Suche nach einer globalen Ausformung, die der Kategorisierung entbehrt, liefert sie ein Zeugnis zum und einen Blickwinkel auf den derzeitigen Stand der feministischen und queeren Darstellungen, die sie international in ihrer eigenen Bewegungsfreiheit als Künstlerin und Frau nachhaltig beschränkt. Seit ihrem ersten beruflichen Forschungsaufenthalt zu der Rolle des schwulen Mannes im Iran ist sie als gefährliche Person gelistet und kann trotz eines Zehn-Jahres-Visums nicht ohne dreistündige Befragung in die USA einreisen. Sie setzt das Fotografieprojekt fort und wird in den Iran zurückkehren.

War der Tanz bei dem impressionistischen Maler Edgar Degas noch Ausdruck einer kontrollierten Bewegung, so ist er bei dem deutsch-russischen Künstlerpaar Römer+Römerbereits Ausdruck internationaler Vereinigung. Nicht nur leben sie ihre internationale Affaire bereits seit vielen Jahren. Für ihre Malerei besuchen beide gemeinsam weltweit Festivals und Demonstrationen, auf denen sie Motive sammeln, die sie dann reliefartig zu einem Farbspiel von Flächen und Punkten auf der Leinwand vereinen. Sie lassen den Blick auf den Einzelnen zu Gunsten des kollektiven Moments aufgehen und das zufällige Entgrenzen im Alltag erkennen. Bei Andreas Lau ist die Leinwand flächig gleichbehandelt. Er greift verschlüsselte Geschichten und löst sie in einer rhythmisierenden Wiederholung von Zeichen auf. Seine Malereien sind Herausnahmen, die über sich selbst hinausweisen und das Gegenüber in der Bedeutungskonstitution miteinschließen. Seine Malereien funktionieren wie ein Raster, das auf sich selbst als Gesamtheit von einzelnen Elementen und zugleich auf das Einzelne als in einer begrenzten Anzahl von vorgegebenen Kategorien bestehendes System, in das bestimmte Erscheinungen eingeordnet werden, verweist. Sascha Boldt hinterfragt in seinen Werken die Weltanschauung, der wir im Alltag gegenüberstehen und die sich dingfest an Bedeutungszusammenhängen festmachen lassen. Im Spiel mit Perspektiven und Maßstäben, die wir im Alltag häufig unbemerkt einsetzen, erschafft er visionäre Räume und Welten, die in unserer Zeit genauso wie in Hinblick auf die Frage der Hinterlassenschaft in der Zukunft funktionieren. In der Verschränkung von Realitäten, deren Herkunft nicht mehr zu benennen ist, tritt sein Werk in den Austausch und eröffnet Potentiale, die im globalen Lebensraum bereits angelegt sind.

International Affairs vereint Künstlerpositionen, die global agieren, lokal Ansichten verorten und sich mehr oder weniger bewusst von den aktuellen Tendenzen, neue Grenzzäune aufzuziehen, kleinstaatliches Denken zu befürworten und Wirtschaftsembargos auszurufen, abgrenzen. Entgegen dieser Abschottung lenkt die Ausstellung den Blick auf Geschichten, die die Welt nicht teilen, sondern in ihrer Zeitgenossenschaft und vor dem Hintergrund einer global vernetzen Wirklichkeit, in der man sich als Mensch – und KünstlerIn – in der heutigen Zeit bewegt, erfahrbar macht. Im Speziellen werden so auch die biografischen Hintergründe der teilnehmenden KünstlerInnen zu internationalen Angelegenheiten und gelangen mehr oder weniger in ihren Werken zum Ausdruck. Die Ausstellung nähert sich dem Thema der internationalen Angelegenheiten demnach mit einer gewissen Offenheit, von der auch die internationalen Beziehungen geprägt sein sollten.

1 Holland Cotter, ART/ARCHITECTURE; Beyond Multiculturalism, Freedom?, JULY 29, 2001, NYTimes, http://www.nytimes.com/2001/07/29/arts/art-architecture-beyond-multiculturalism-freedom.html (04.05.2017)

2 Belting 2009, Contemporary Art as Global Art: A Critical Estimate, in: Belting, Hans/Buddensieg, Andrea (Hrsg.), The Global Art World. Audiences, Markets, and Museums, Ostfildern: 2009,, S. 38-73, insbs. S. 59.

3 Vgl. Dyett, Marleen, Aus der Perspektive : Raster, Gitter, Netze ; Betrachtungen zu einem Formelement der Kunst, Würzburg: 2014.

4 Adorno, Theodor W., Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main: 1974, S. 36, S. 40.

Advertisements